Der Werwolf von Machecoul

„Bete für die Seelen der verlorenen Kinder“, zischte eine Stimme neben mir. Ich schaute zur Seite und blickte in zwei hervortretende Augen, die mich anstarrten. „Er holt sie alle.“ Eine knochige, schmutzige Hand griff nach meinem weißen Sonntagskleidchen und berührte meinen Arm. Gänsehaut kroch über meinen Körper.

„Verschwinde!“, befahl mein Vater und legte den Arm zwischen mich und den Mann in den zerlumpten Kleidern.

Doch dieser umging behände wie ein Wiesel den Arm meines Vaters und schlich sich hinter mich. „In Machecoul haust eine Bestie, ein Werwolf, der unschuldige Kinder frisst“, flüsterte er.

„Geh weg!“, quetschte ich heraus und drängte mich in den schützenden Arm meines Vaters.

Mein Vater nahm eine Silbermünze aus seinem Geldbeutel und drückte sie dem Mann in die Hand. „Da nimm!“, sagte er und wedelte mit der Hand. „Und nun verschwinde, Yan!“

„Ich verschwinde, aber ich komme zurück“, krächzte der Mann und richtete sich auf. „Die Kinder aber kehren nie wieder.“ Mit jedem Schritt, den wir der Kirche näherkamen und uns von dem Bettler entfernten, wurde er lauter. „Verschwunden, alle, auf ewig.“ Mit einem letzten Schrei entließ er uns in die Stille des Gotteshauses: „Hütet euch vor dem Werwolf von Machecoul!“

Als wir unsere angestammten Plätze einnahmen, fragte ich mit zitternder Stimme: „Papa, wer war der Mann?“

Mein Vater winkte ab. „Er ist ein Verrückter, der hier in Machecoul lebt. Die Leute nennen ihn den ‚irren Yan‘. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben; er ist harmlos.“

„Papa, stimmt es, dass es hier einen Werwolf gibt?“

„Nein, Mariette.“ Mein Vater schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Werwölfe. Er wollte dich nur erschrecken.“

„Was ist ein Werwolf, Papa?“, flüsterte ich, während die letzten Besucher durch die Pforte eintraten.

„Ein Tier aus der Märchenwelt, Mariette“, flüsterte mein Vater zurück.

„Fressen Werwölfe Kinder?“

Mein Vater strich mir über die Haare. „Das sind Erzählungen, Mariette. Denk nicht mehr daran.“ Er beugte sich zu mir herunter. „Und wenn doch ein Werwolf erscheint, dann bekommt er es mit mir zu tun, so wie die Engländer vor Orléans.“

Ich schmiegte mich an meinen Vater und umschloss fest seinen Arm. „Du beschützt mich, Papa. Ich hab' dich lieb.“


Als wir aus der Kirche kamen, hatte ich das Gefühl, dass wir beobachtet wurden. Ich schaute mich um, sah aber nur die Bäuche und Rücken derjenigen, die um mich herum aus dem Gotteshaus strömten. Vorsichtshalber blieb ich nah bei meinem Vater, bis wir unsere Pferde erreicht hatten.

„Wo ist Poitou?“, fragte ich und deutete auf den leeren Sattel des jungen Kammerdieners.

„Er hat noch etwas zu erledigen“, sagte mein Vater und wischte sich über das Kinn. „Er wird gleich kommen.“

Ich drehte mich um und sah, wie Poitou mit einem Mann sprach, der seinen Arm auf den Schultern eines blonden Jungen liegen hatte. Der Mann schaute mehrfach auf das Kind hinunter und nickte schließlich, woraufhin Poitou ihm einen Handschlag gab. Dann eilte er zu uns und stieg wortlos auf sein Pferd. Mein Vater schaute Poitou kurz an; dann gab er den Befehl zum Losreiten. Als ich einen letzten Blick auf die Kirche warf, war mir, als hätte ich an der Seitenmauer jemanden gesehen, der uns nachschaute. Jemanden in schmutzigen, alten Kleidern. Den irren Yan.

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