Domesday Book: die erste Volkszählung und ihre sprachlichen Tücken

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Domesday Book: die erste Volkszählung und ihre sprachlichen Tücken

England nach 1066 war sprachlich gesehen ein einziges Gewimmel und Gewusel: Verschiedenste altenglische Dialekte, wie Westsächsisch oder Northumbrisch, mischten sich mit den altnordischen Varianten der Wikingernachfahren, meist Norweger oder Dänen, und jetzt kam auch noch das Normannisch der adligen Besetzer dazu.

Schon damals wertvoll: Mehrsprachigkeit

Bereits durch die Kontakte zwischen Wikingern und Angelsachsen gingen die Endungen im Altenglischen langsam verloren und die Grammatik vereinfachte sich, damit sich man sich im alltäglichen Leben miteinander verständigen konnte.

Die Normannen hatten es da schwerer, da sie eine Sprache mitbrachten, die nicht derart eng mit den anderen Sprachen verwandt war, als dass man sich so einfach hätte verstehen können. Normannisch gehört wie Altfranzösisch zur romanischen Sprachfamilie, während Altnordisch und Angelsächsisch dem germanischen Zweig angehören.

Die Lösung war damals wie heute Mehrsprachigkeit, und es gab vor allem unter den Klerikern zahlreiche Männer, die mehrerer Sprachen beherrschten. Ganz besonders wichtig wurde diese Fähigkeit zwanzig Jahre nach der normannischen Eroberung, denn da gab es eine große Umfrage des Königs.

Dolmetscher als Schlüssel zu den Ressourcen des Landes

Wilhelm der Eroberer wollte nämlich wissen, wie es um sein Königreich stand und ordnete eine ausführliche Bestandsaufnahme an. Dazu schickte er zwischen Dezember 1085 und August 1086 einen ganzen Haufen Kommissare los, die von Region zu Region zogen und sämtliche Angaben über Orte, Gebäude, Grundbesitz sowie dort lebende Menschen und Tiere aufschrieben. Diese Bestandsaufnahme ist ein ziemlich beeindruckender Wälzer geworden, auch wenn die Gesandten alles in einem sehr abgekürzten Latein notierten.

Das Problem vor Ort war nun aber, dass die königlichen Kommissare nur Normannisch oder Lateinisch sprachen, die Bewohner in den Orten zumeist aber Altenglisch, also Angelsächsisch. Die Männer des Königs waren daher auf jemanden angewiesen, der ihre Fragen und die Antworten der Bewohner in die jeweils andere Sprache übersetzte. Diese Rolle übernahmen meist der Dorfpfarrer und der Vogt oder eben jene, die aus irgendwelchen Gründen beide Sprachen beherrschten, so wie Söhne normannischer Barone, die eine angelsächsische Mutter oder Amme hatten.

Um sicherzustellen, dass alles korrekt und unparteiisch ablief – denn König Wilhelm legte Wert darauf, als legitimer Erbe von Eduard dem Bekenner und nicht als fremder und unrechtmäßiger Thronräuber zu erscheinen –, wurde außerdem vor Ort eine Jury aus normannischen und englischen Untertanen zusammengestellt, die gemeinsam mit den Sprachmittlern die gewünschten Informationen liefern sollten.

Woher kommt der Name „Domesday Book“?

Die Fragen selbst waren sehr detailliert und reichten vom Namen des Besitzers und der Größe und Ausstattung des Landes – also Wald, Weiden, Grasland, Fischteiche, Mühlen, Kirchen und so weiter – über die Anzahl und Art der dort lebenden Personen – beispielsweise freie Männer oder Leibeigene – bis hin zur Anzahl und Art der dort gehaltenen Tiere. Wenn Ihr bedenkt, was für eine Menge es aufzuschreiben gab und dass Papier damals ziemlich teuer war, könnt Ihr Euch vorstellen, dass die zusammengetragenen Antworten ganz anders aussehen als viele der kunstvoll geschmückten und großzügig geschriebenen Manuskripte, die die Mönche sonst herstellten. Und wenn man weiß, wie viele Einzelheiten über jeden Ort und fast jeden Menschen für immer festgehalten sind, dann ähnelt es ein bisschen der Auflistung der Sünden am Tag des Jüngsten Gerichts, oder? Deswegen ist „die Schriftrolle des Königs“ oder „das große Buch von Winchester“, wie die Aufzeichnungen ursprünglich genannt wurden, heute überall nur noch unter dem Namen bekannt, den ihm ein besorgter Zeitgenosse nicht einmal ein Jahrhundert später, im 12. Jahrhundert, gegeben hat: Domesday Book

Domesday Book heute

Domesday Book besteht aus zwei Bänden, einem kleinen Buch mit den Daten für Essex, Norfolk und Suffolk sowie einem großen Buch mit den restlichen Grafschaften, für die Daten gesammelt wurden. Keine Aufzeichungen gibt es für London, Winchester, Northumberland, Durham, den Nordwesten Englands und Wales außerhalb seiner Grenzregionen.

Ursprünglich wurde Domesday Book in der königlichen Schatzkammer in Winchester aufbewahrt, vom 13. bis 19. Jahrhundert in Westminster, 1859 zog es nach London, 1996 schließlich ins Nationalarchiv in Kew, Richmond upon Thames (bei London) um.

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