Domesday: Die erste Volkszählung und ihre sprachlichen Tücken

„Hallo, ich bin’s wieder, Roger aus Wilberfoss. Ich hatte Euch letztes Mal schon über Englands Sprachen erzählt und wie das mit der Verständigung klappte. Heute will ich Euch erzählen, warum die Beherrschung mehrerer Sprachen in dieser Zeit so nützlich war. Da gab es nämlich diese große Umfrage des Königs, diese descriptio regis.“

„König Wilhelm wollte knapp 20 Jahre nach der Eroberung Englands wissen, wie es um sein Königreich stand. Deshalb ordnete er eine ausführliche Bestandsaufnahme an. Dazu schickte er zwischen Dezember 1085 und August 1086 eine ganze Menge von Kommissaren los. Diese zogen von Region zu Region und schrieben sämtliche Angaben über Orte, Gebäude, Grundbesitz sowie dort lebende Menschen und Tiere auf. Manche munkeln, dass die Sammlung all dieser Einzelheiten ein Buch ergeben wird, das dicker als die Bibel ist. Und das, obwohl die Schreiber alles in einem sehr abgekürzten Latein aufgenommen haben!“

„Das Problem vor Ort war nun aber, dass die königlichen Kommissare nur Normannisch oder Lateinisch sprachen. Die Bewohner in den Orten dagegen sprachen zumeist aber Altenglisch, also Angelsächsisch. Die Kommissare waren also auf jemanden angewiesen, der ihre Fragen und die Antworten der Bewohner in die jeweils andere Sprache übersetzte. Diese Rolle übernahmen meist der Dorfpfarrer und der Vogt. Oder eben jene, die aus irgendwelchen Gründen beide Sprachen gelernt hatten, so wie ich.“

„König Wilhelm legte großen Wert darauf, dass alles korrekt und unparteiisch ablief. Schließlich wollte er durch diese descriptio als legitimer Erbe von Eduard dem Bekenner und nicht als fremder und unrechtmäßiger Thronräuber erscheinen. Daher wurde jedes Mal, wenn die Kommissare die Befragungen durchführten, vor Ort eine Jury aus normannischen und englischen Untertanen zusammengestellt. Diese sollten gemeinsam mit den Sprachmittlern die gewünschten Informationen liefern.“

„Wie mir meine Freunde berichteten, waren die Fragen wohl ziemlich detailliert und reichten vom Namen des Besitzers und der Größe und Ausstattung des Landes – also Wald, Weiden, Grasland, Fischteiche, Mühlen, Kirchen und so weiter – über die Anzahl und Art der dort lebenden Personen – beispielsweise freie Männer oder Leibeigene – bis hin zur Anzahl und Art der dort gehaltenen Tiere. Wenn Ihr bedenkt, was für eine Menge es aufzuschreiben gab und dass Papier ziemlich teuer war, könnt Ihr Euch sicherlich vorstellen, dass die zusammengetragenen Antworten so ganz anders aussehen werden als die kunstvoll geschmückten und großzügig geschriebenen Manuskripte, die die Mönche sonst herstellen. Und wenn man weiß, wie viele Einzelheiten über jeden Ort und fast jeden Menschen für immer festgehalten sind, dann ähnelt es ein bisschen der Auflistung der Sünden am Tag des Jüngsten Gerichts, findet Ihr nicht?“

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Mediävistin mit langjähriger IT-Erfahrung, liebt Sprachen, Sprache und das Schreiben, und liest wahnsinnig gerne vor. Als Wandlerin zwischen den Welten betreibt sie Extremsport auf die sanfte Art und verbindet dadurch Bereiche, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: deutsch und fremdsprachlich, Groß und Klein, modern und mittelalterlich, Frau und Technik, und noch einiges mehr.