Frauen im englischen Mittelalter: Heiraten, Seitensprünge und Nonnen

Die folgenden Einblicke in das Leben von Frauen im englischen Mittelalter stammen aus der Leserunde zu meinem historischen Roman Das bretonische Mädchen.

Für diejenigen, die den Roman noch nicht gelesen haben, fasse ich kurz den Hintergrund aus dem Buch zusammen: Wir befinden uns im 11. Jahrhundert im normannisch besetzen England. Der Normanne Sire Geoffrey, tyrannischer Lehnsherr von Wilburgfos im Norden Englands, hat seine Tochter Adelais ins Kloster gesteckt. Mit seiner neuen Frau, der Angelsächsin Lady Edeva, hat er einen Sohn namens Roger, der sich mit dem Küchenmädchen Emma zu Schäferstündchen trifft.

Warum hat Lady Edeva bloß diesen widerwärtigen Sire Geoffrey geheiratet? 

Lady Edeva ist eine der typischen angelsächsischen Witwen der damaligen Zeit, die zur Ehe mit einem Normannen gezwungen wurden. Die meisten angelsächsischen Adligen waren 1066 in der Schlacht bei Hastings umgekommen. Dass normannische Barone daraufhin scharenweise angelsächsische Witwen mit Gutshöfen heirateten, war ein einfacher Weg, um das Land schnell und ganz legal in normannische Hände zu bringen.

Was hat Adelais im Kloster zu suchen?

Unliebsame Kinder, vor allem Mädchen, die man für unverheiratbar hielt, wurden im Mittelalter gerne ins Kloster abgeschoben. Nicht zuletzt war das auch eine Frage des Geldes. Mädchen mussten eine Mitgift in die Ehe mitbringen. Je nachdem, wen man als zukünftigen Schwiegersohn im Auge hatte, kam da die Abfindung fürs Klosterleben günstiger als die Mitgift, insbesondere wenn der Schwiegersohn-in-spe nicht allzu große oder wichtige Ländereien sein Eigen nannte.

Ein Leben als Nonne klingt heutzutage für die meisten wenig erstrebenswert, doch man darf nicht unterschätzen, dass das Kloster für manche Frauen und Mädchen ein Ort des Vertrauens und der Sicherheit war. Hier waren sie keiner männlichen Gewalt und Willkür ausgeliefert, sondern durften ihr Leben innerhalb der Klosterregeln selbst bestimmen. Sie hatten zu essen und anzuziehen und lebten in einer Gemeinschaft, die sich zusammen um das Wohlergehen aller kümmerte. Sie durften Lesen und Schreiben lernen und hatten Zugang zu Bildung, zumindest im religiösen Rahmen. Ihr Leben bestand nicht nur daraus, Kinder unter Lebensgefahr in die Welt zu setzen und sich dann für Familie und Haushalt den Rücken krumm zu arbeiten. 

Aber nicht nur für überflüssige, unverheiratbare oder ungeliebte Töchter war das Kloster eine beliebte Abgabestation. Auch erwachsene Frauen, die dem weltlichen Leben aus welchen Gründen auch immer entsagten, traten oft ins Kloster ein — etwa weil sie als Witwe mit ihrem Mann auch ihre Daseinsberechtigung bzw. ihr Einkommen verloren hatten oder weil sie keinen Sinn mehr für ein Leben in der weltlichen Gesellschaft sahen. Nonnen mussten also nicht unbedingt immer jungfräulich sein, sondern waren Frauen aus allen Lebenslagen.

Roger nutzt seine Macht über Emma aus, um seine Lust zu befriedigen. So ein Schwein! 

Da ist er im Mittelalter – und sicher auch später – leider kein Ausnahmefall. Außereheliche Beziehungen und Kinder waren im Adel nicht unüblich, und sicher nicht nur dort.

Ein hübsches Dienstmädchen am Hof oder im Schloss war eine attraktive und leichte Beute für einen hormongesteuerten jungen Mann, und so manche Magd fühlte sich durch die Avancen ihres Herrn vielleicht sogar geschmeichelt. Das heißt allerdings weder, dass es in Wirklichkeit so harmonisch und mit beiderseitigem Einverständnis zu einem Schäferstündchen zuging wie bei Roger und Emma, noch, dass sie sich Hoffnung machen konnte, von ihrem Herrn und Verführer geehelicht zu werden.

Bedienstete gehörten zum Besitz des Herrschers und also solche unterstanden sie dessen Willkürlichkeit und Verfügungsgewalt. Die zahlreichen Bastarde, die uns allein von Königen und großen Herrschern bekannt sind, sprechen für sich, wie regelmäßig Seitensprünge mit Folgen vorkamen.

Völlig außer Frage steht natürlich, ob Roger Emma heiratet. Das ist nach den Standesregeln unmöglich. Ein Herrscher konnte Spaß, aber keinen Ehevertrag mit seiner Dienstmagd haben.

Was passierte im Fall einer Schwangerschaft?

Eigentlich nichts, zumindest für den Herrscher. Die Dienerin dagegen musste entweder die Schwangerschaft durch einen Besuch bei einer Hebamme oder Heilerin – manche würden auch sagen: Kräuterhexe – abbrechen lassen oder ansonsten ein Maul mehr versorgen. Wenn nicht sie oder das Kind oder beide bei der Geburt oder kurz danach starben. Und selbst dann war die Aussicht, dass das Kind das sechste Lebensjahr erreicht, gering. 

Könnte Emma Roger nicht wegen Vergewaltigung anklagen?

Sicher, aber wie weit würde sie damit kommen? König Wilhelm I. hatte in der Tat ein Gesetz erlassen, das Vergewaltigung unter Strafe stellt. Emma hätte also durchaus eine Chance auf Wiedergutmachung. Allerdings stünde dann ihr Wort gegen das von Roger. Wem würde man im Zweifelsfall eher glauben? Der angelsächsischen Dienerin oder dem Sohn des normannischen Lehnsherrn?

Kleiner Lichtblick

Emma könnte als letzte Möglichkeit auf einen unehelichen Sohn spekulieren, wenn sie schon ihren Herrn nicht heiraten kann. Uneheliche Kinder waren in dieser Zeit nicht notwendigerweise ein Stigma für die Mutter und hatten auch selbst nicht unbedingt an ihrem Schicksal zu leiden. Im Gegenteil: Für uneheliche Söhne der Normannen etablierte sich bald die Vorsilbe „Fitz“ („fils de“) als ganz offizieller Teil ihres Nachnamens. Und wenn Roger in seiner Ehe schlimmstenfalls nur Töchter hätte, wäre ein unehelicher Sohn kein schlechter Kandidat für die Nachfolge.

Falls Sie jetzt Lust auf Das bretonische Mädchen bekommen haben, schauen Sie doch mal auf der Buchseite vorbei!