Linkshänder im Mittelalter

Linkshänder als Schwertkämpfer der Landshuter Hochzeit 2017

„Hallo, ich bin’s wieder, Roger aus Wilberfoss. Wusstet Ihr eigentlich, dass mich viele der Leute in meinem Heimatdorf mit Argwohn betrachten? Vor allem der Priester rümpft immer die Nase, wenn er mich sieht, und greift eilig nach dem Kreuz auf seiner Brust. Wahrscheinlich meint er, dass ihm das gegen die böse Aura hilft, die mich umgibt. Und das alles, weil ich Linkshänder bin.“

„Denn in meiner Zeit ist das ein klares Zeichen dafür, dass ich vom Teufel besessen bin oder zumindest im Bunde mit ihm stehe. Schon im alten Griechenland und in Rom hatten wir Linkshänder nicht immer den besten Ruf. Und jetzt, wo sich der christliche Glaube in England und dem Festland ausbreitet, machen Kleriker wie unser Priester in Wilberfoss keinen Hehl daraus, was sie von Linkshändern halten. Gute, anständige und fromme Menschen sind nun mal Rechtshänder. Nicht umsonst sitzt Jesus zur Rechten Gottes, während der Teufel, der gefallene Engel, der sich gegen Gott aufgelehnt hat und vom rechten – ha! – Weg abgekommen ist, zur Linken sein Unwesen treibt. Dabei sind wir Linkshänder nicht besser oder schlechter als Rechtshänder. Die Bibel weiß das – das hat mir meine kluge Schwester bestätigt. Aber die Kleriker schweigen darüber, weil sie alles fürchten und bekämpfen, das anders ist. Und wir Linkshänder sind anders, allein weil es schon immer viel weniger von uns gegeben hat und unsere Eigenart dadurch umso mehr auffällt. Dieses Anderssein reicht völlig aus, um ein gefährliches Leben zu führen.“

„Wo wir gerade von gefährlichem Leben reden: Unser Fechtmeister findet die Aufregung völlig übertrieben und unnütz. Als Krieger müsse man ohnehin die Waffen mit beiden Händen führen können, sagt er. Für mich als Linkshänder ist das besonders wichtig, wenn ich einmal in einer Formation zu Fuß oder zu Pferd kämpfen muss. Ansonsten wäre beispielsweise im Schildwall bei mir das einzige Loch, und das wäre weder in meinem eigenen Interesse noch in dem meiner Waffenbrüder und meines Lehnsherrn. Aber vor allem führt mein Fechtmeister die praktischen Gründe für die beidhändige Kampffähigkeit an: Wie soll man sonst weiterkämpfen, wenn man den rechten Arm verliert oder dieser so schwer verwundet wird, dass man ihn nicht weiter benutzen kann? Der eiserne Siegeswille allein hilft einem da manchmal nicht weiter. Deshalb muss ich jetzt auch unbedingt zu den Fechtübungen, um weiter zu üben. Ansonsten bestraft mich der Fechtmeister wieder mit Waffenputzen. Aber das mache ich ohnehin mit links.“