Ein englisches Dorf im Mittelalter

„Hallo, ich bin’s wieder, Roger aus Wilberfoss. Schön, dass Ihr wieder da seid. Ich habe Euch vor einiger Zeit ein wenig über York erzählt, das für damalige Verhältnisse ziemlich groß war. Eine Stadt wie York war aber zu meiner Zeit die Ausnahme. Heute will ich Euch deshalb mehr über meine Heimat Wilberfoss, ein kleines Dorf östlich von York, berichten. So wie Wilberfoss gab es nämlich in meiner Zeit viele kleine Orte, die den Hauptbestandteil der Siedlungen bildeten. Außerdem gibt es noch etwas Interessantes aus der Nachbarschaft zu berichten.“

„Wilberfoss liegt etwa zwei Stunden zu Pferd östlich von York entfernt und ungefähr eine Stunde zu Pferd südlich von Stamford Bridge, wo der letzte angelsächsische König Harold Godwinson Anfang Oktober 1066 die Armee des norwegischen Königs Harald Hardrada endgültig besiegte. Wusstet Ihr, dass dies durch eine List geschah? Auf der Brücke, nach der Stamford Bridge seinen Namen hat und die die beiden feindlichen Armeen auf den Seiten des Flusses Derwent trennte, stand damals ein riesiger Wikinger, der den Angelsachsen den Weg versperrte. Die angelsächsischen Krieger waren unschlüssig, was sie tun sollten und wie sie an dem Wikinger vorbeikämen. Schließlich schlich sich einer von ihnen unter die Brücke und stach mit seinem Speer von unten zwischen den Planken der Brücke durch. Er verletzte den hünenhaften Wächter derart, dass er zusammenbrach. Jetzt konnten die Angelsachsen die Brücke stürmen und überrannten so König Harald und seine Wikinger.“

„Der Derwent fließt westlich an Wilberfoss vorbei, aber wir haben auch einen kleinen Fluss, nämlich den Foss Beck. Die Dänen nannten ihn Fors Bekkr, was so viel wie ‚Fluss mit Stromschnellen’ bedeutet. Die Strömung reicht aus, um eine Mühle anzutreiben, die den Benediktinerinnen gehört, die nicht weit vom Foss Beck in ihrem Kloster wohnen. Dort bringen die Bauern das Getreide hin, wenn es gemahlen werden soll. Für die Nonnen ist es eine zusätzliche Geldquelle, denn kostenlos lassen sie die Bauern natürlich nicht an die Mühle.“

„Außerdem gibt es hier noch den Gutshof, Wilberfoss Manor, der sich nordwestlich des Klosters befindet, sowie im Süden die Hütten der Bauern, die für den Gutsherrn arbeiten. Der Gutsherr untersteht dem übergeordneten Lehnsherrn in Catton, zu dem Wilberfoss rechtlich gehört. Insgesamt hat man bei der Zählung durch die Kommissare des Königs 38 Haushalte für Catton und seine zugehörigen Siedlungen gezählt. Das ist ziemlich groß verglichen mit anderen Orten, aber das sind auch nicht viel mehr als 200 Leute – York dagegen hat mehrere Tausend Einwohner. Dagegen ist Catton, und erst recht Wilberfoss, ein kleines Nest.“

„Umringt ist Wilberfoss von Feldern und Wäldern, in denen es den einen oder anderen Wolf gibt. In dieser Hinsicht ist Wilberfoss ziemlich durchschnittlich, denn die meisten Siedlungen bestehen aus einem Gutshaus, einer Kirche, einer Mühle, Feldern, Wald, und vielleicht noch einem Fischteich, um den kargen Speiseplan ein wenig zu bereichern. Als Sohn des Lehnsherrn habe ich was Essen angeht mehr Glück als viele andere, aber darüber muss ich Euch ein anderes Mal erzählen.“

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Mediävistin mit langjähriger IT-Erfahrung, liebt Sprachen, Sprache und das Schreiben, und liest wahnsinnig gerne vor. Als Wandlerin zwischen den Welten betreibt sie Extremsport auf die sanfte Art und verbindet dadurch Bereiche, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: deutsch und fremdsprachlich, Groß und Klein, modern und mittelalterlich, Frau und Technik, und noch einiges mehr.