Muslimische Kleidung im mittelalterlichen Europa

15. Mai 2023

Birgit Constant

Muslime sind genauso vielfältig wie Menschen anderer Religionen, und genauso vielfältig ist auch ihre Kleidung. Sie unterschied sich heute wie im Mittelalter beispielsweise nach Geschlecht, sozialer Schicht, dem Jahrhundert und der Region, in der die Menschen lebten – nicht viel anders als bei Menschen christlichen Glaubens, oder doch?

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KleidungsstĂĽcke

Der Islam war vor allem in heißen und trockenen Klimazonen verbreitet. Um sich vor Sonne, Hitze und Wüstenstaub zu schützen, bestand die typische muslimische Kleidung daher aus langen, fließenden Gewändern und einer Kopfbedeckung, auch wenn die genauen Ausformungen und vor allem die Namen der Kleidungsstücke – und deren Schreibung – sich von Land zu Land unterscheiden konnten.

Für Muslime in Frankreich besonders relevant ist der Kleidungsstil der Mauren, also jener Berberstämme Nordafrikas, die die iberische Halbinsel zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert beherrschten und die typische Kleidung ihres Heimatlandes nach Europa brachten. Dazu zählten folgende Einzelteile:

  • Aljuba (aus Arabisch al + ǧubba): von maurischen Männern wie Frauen und später auch von Christen getragenes Gewand mit eng anliegendem, geknöpften Leibchen mit Ă„rmeln und einem Rock, der in der Regel bis zu den Knien reicht.
  • Gandoura  (die maghrebinische Form des arabischen Qamis bzw. des persischen Thawb (Thobe/Tobe) bzw. des Djubba/Jubba aus dem Mittleren Osten): lange, gerade Tunika mit kurzen oder langen Ă„rmeln, allerdings insgesamt kĂĽrzer als die Djellaba
  • Djellaba: lange, locker sitzende (ein weiter Ăśberwurfmantel mit spitzer Kapuze und langen Ă„rmeln, insbesondere in Nordafrika getragen); fĂĽr Männer und Frauen
  • Albornoz (Arabisch Burnus): ähnlich wie die Djellaba, aber ohne Ă„rmel und vorne offen getragen (nur am Hals geknöpft)
  • Turban (Arabisch Imama) und Fes/Fez (Arabisch Tarbusch): Turbane gab es als um den Kopf gewickeltes Tuch, mit Schwanz am Hinterkopf bzw. auf den Schultern (Almaizar) oder in Verbindung mit dem Litham, der insbesondere von den Männern der Almoraviden-Dynastie getragen wurde und die untere Gesichtshälfte bedeckte. Diese Kombination von Turban und Schleier ist als Tagelmust bei den heutigen Tuareg bekannt. Beim Fes handelte es sich um einen kegelstumpfförmigen Hut, der auch unter einem Turban getragen werden konnte.
  • Hidschab: Kopftuch, mit dem Frauen auĂźer Haus Haare und Nacken bedeckten. Das Verschleiern wurde zwar auch in Al-Andalus empfohlen, viele Frauen aus königlichen und adligen Familien hielten sich jedoch nicht daran.
  • Sandalen: Insbesondere fĂĽr Hadsch(Mekka)-Pilger vorgeschriebenes Schuhwerk, bei dem ein Riemen quer ĂĽber den FuĂź verläuft und der andere den groĂźen Zeh umschlieĂźt.
  • Pantoffeln und hochwertige, weiche Stiefel aus edlen Materialien: Wie Sandalen wurden auch diese Schuhe von Männern und Frauen getragen und waren oft reich bestickt.
  • Sirwal: lange und weite Pumphose („Haremshose“) fĂĽr Männer und Frauen, die gerade, ausladend oder an den Knöcheln zusammengeschnĂĽrt sein konnte.

Der gepflegte muslimische Herr trug dazu einen geschnittenen Schnurrbart und längeren Kinn- und Backenbart.

Farben, Muster und Materialien

Aus religiösen Gründen waren bestimmte Farben mit Vorbehalten belegt. So sollten beispielsweise Männer Rot, das Mohammed als störend beim Gebet empfand, oder Grün, die Farbe der Engelskleider, in ihrer Kleidung vermeiden. Weiß sollten nur geschiedene Frauen anziehen. Mit Blau und Schwarz assoziierte man Trauer. Leuchtend einfarbige Kleidung dagegen deutete auf weibliche Unterhalter hin.

Insgesamt sollte die Kleidung eher schlicht aussehen, sowohl was Farben als auch Muster anging.

Theorie und Praxis

Schaut man sich Bilder bzw. Beschreibungen maurischer Kleidung aus dem Mittelalter an, scheinen sich die Bewohner der iberischen Halbinsel jedoch nicht unbedingt an die religiösen Vorgaben gehalten zu haben. Allerdings erhoben sich bei den gläubigen Autoritäten immer wieder Unmutsäußerungen darüber, dass die Sitten und Gebräuche in Al-Andalus im Vergleich zur restlichen muslimischen Welt eher locker waren bzw. nach Übernahme durch eine neue Dynastie schnell zu wünschen übrig ließen.

Ăśppige und hochwertige Stoffe, eine Vorliebe fĂĽr leuchtende Farben und reichlich Verzierungen durch Stickereien und Perlen kennzeichneten den Kleidungsstil, der sich auch heute noch in traditionellen KostĂĽmen Spaniens wiederfindet.

Gefärbt wurde mit allem, was die Natur hergab: Pflanzen, Wurzeln, Flechten, Baumrinde, Nüsse, zerquetschte Insekten, Weichtiere und Eisenoxid.

Materialien

Zur Herstellung von maurischer Kleidung dienten neben Leinen, Wolle und Leder auch Baumwolle, Seide und Felle von Kaninchen, Hasen oder Zobel. Was nicht vor Ort hergestellt werden konnte, wurde aus dem gesamten muslimischen Reich oder anderen Gebieten, etwa Norwegen fĂĽr Pelze, importiert.

Leinen gab es in vielen verschiedenen Qualitäten. Stoffe wie Baumwolle oder Wolle verwebte man gerne mit anderen reinen Materialien wie Seide, wobei auffällige Strukturkontraste, etwa bei Baumwolle und Leinen, zu vermeiden waren. Die beste maurische Seide wurde in Almeria und Granada hergestellt. Sie wurde in vielen Farben gewebt und oft mit Goldfäden verziert. 

Da Ziegenleder besonders weich und haltbar war, stellte man daraus bevorzugt Schuhe her.

Der Turban wurde in der Regel aus Wolle oder Leinen gefertigt. Insbesondere fĂĽr zahlungsfreudigere Kunden kam auch Seide fĂĽr Turbane und den Litham zum Einsatz.

Die Aljuba bestand aus angerautem Wollstoff, Samt sowie Seide.

Da Djellabas vor allem vor Kälte schützen sollten, bestanden sie aus dicker Wolle. Den Fes fertigte man normalerweise aus rotem Wollfilz.

Was trugen die anderen?

In Al-Andalus gab es natürlich nicht ausschließlich Anhänger des islamischen Glaubens, sondern auch Christen und Juden, so wie im restlichen Europa auch. Hätte man an Zentren, an denen sich Menschen der drei Glaubensrichtungen trafen, erkannt? Schauen wir uns dazu an, was Juden und Christen in dieser Zeit trugen!

Was trugen Menschen anderer Glaubensrichtungen im mittelalterlichen Europa?

Jüdische Bevölkerung

Die Mehrheit der Juden geriet mit der Ausbreitung des Islam unter dessen kulturellen Einfluss und dessen politische Kontrolle und ĂĽbernahm dabei viele der neuen Kleidungsstile, so dass sie sich nach auĂźen hin kaum von ihren muslimischen Nachbarn unterschieden.

Als Teil der Oberschicht kleideten sich die meisten Juden in feine Seiden- und Leinenkleider, die dem muslimischen Obergewand (Jubba/Qamis) entsprachen. Auch Pelzbesatz oder Gold- und Juwelenschmuck fand sich an jüdischer Kleidung. Sowohl Obergewänder als auch Mäntel hatten leuchtende Farben, etwa rot, blau, grün oder gelb.

Frauen trugen normalerweise keinen Schleier. Jüdische Männer dagegen trugen bis zum 13. Jahrhundert im maurischen Reich einen Turban, der nach und nach durch eine meist gelbe Wollmütze ersetzt wurde.

Christliche Bevölkerung

Die christliche Bevölkerung des mittelalterlichen Europas trug Unterwäsche aus Leinen, darüber eine wollene Tunika mit Ärmeln und gegebenenfalls einen Umhang oder Mantel, der ebenfalls aus Wolle bestand. Dazu kamen Lederschuhe und je nach Wetter noch eine Kopfbedeckung, etwa einfache Leinenhauben, breitkrempige Strohhüte, eine Gugel (eine Kapuze an einem Kurzmantel, der nur die Schultern bedeckte) oder der Schleier für verheiratete Frauen.

Immer dabei war ebenfalls ein GĂĽrtel aus Leder oder eine Kordel, wodran alles befestigt wurde, was man täglich brauchte, beispielsweise ein kleines Allzweckmesser, eine Geldbörse, ein Gebetbuch – auch GĂĽrtelbuch genannt –,  SchlĂĽssel, Löffel, und natĂĽrlich auch Waffen.

Wer es sich leisten konnte, trug auch Pelze und kostbaren Schmuck, vor allem Fibeln zur Befestigung von Mänteln, aber auch Schnallen, Geldbörsen, Waffenzubehör, Halsketten und ähnliches. Bei Kriegern befand sich die Fibel immer auf der rechten Seite, um den Schwertarm frei zu lassen.

Seide wurde zwar im Hochmittelalter aus Byzanz, aber auch aus Indien und dem fernen Osten importiert bzw. ab dem 13. Jahrhundert auch in Europa, vor allem Sizilien, Spanien und Italien, hergestellt. Der Stoff war aber so teuer, dass er nur in der Kleidung sehr reicher Adliger oder zur Dekoration in Kathedralen genutzt wurde.

Obwohl theoretisch jeder Kleidung in leuchtenden, kräftigen Farben tragen durfte, waren solche Stoffe teurer und langwieriger herzustellen, deshalb fanden sie sich vor allem bei Adeligen und sehr wohlhabenden Menschen. An der Farbe ihrer Kleidung konnte man auch die religiösen Orden erkennen: Die Benediktiner trugen Schwarz, die Zisterzienser ungefärbte Wolle oder Weiß. Die Franziskaner trugen grau und später braun

Neben hochwertigen Materialien und Farben zeigte auch die Länge der Jacke bzw. des Mantels an, wie reich jemand war: je länger die Jacke, umso vermögender der Besitzer.

 Stickereien und Verzierungen gab es hingegen auch an den KleidungsstĂĽcken weniger reicher Schichten, etwa an den Ă„rmeln und Kragenausschnitten angelsächsischer Tuniken.

Muslimische Kleidung im mittelalterlichen Europa: anders und doch nicht anders

Muslimische Kleidung sticht besonders durch edle Materialien, kräftige Farben und kostbare Verzierungen hervor. Doch auch der christliche Adel konnte sich teure Stoffe in leuchtenden Farben und mit reichlich Verschönerungen durch Pelz, Edelsteine oder Stickereien leisten. Weniger wohlhabende Schichten mussten sich mit der Grundausstattung aus Leinen und Wolle in gedeckten Farben begnügen, egal ob als weites, langes Gewand oder als schlichte Tunika mit Beinlingen.

Man kleidete sich (meist), wie die Religion es vorschrieb und wie es sich für den eigenen Rang in der Gesellschaft ziemte. Passende Kleidung schützte vor Wind und Wetter, wahrte den Anstand gegenüber anderen, erbot den notwendigen Respekt bei bestimmten Anlässen und spiegelte auch den sozialen Status und die kulturelle Identität des Trägers wider – einheitlich und doch vielfältig.


Und jetzt Sie

Meine Kenntnisse in der muslimisch-arabischen Welt sind noch begrenzt, und gerade die vielen unterschiedlichen Namen und Schreibweisen fĂĽr KleidungsstĂĽcke, die eigentlich dasselbe Ding, nur in einem anderen Land oder einer anderen Kultur bezeichnen, haben die Recherche um einiges erschwert. Ich hoffe, dass die obigen AusfĂĽhrungen trotzdem ein ausreichend akkurates Bild der typischen maurischen Gewandung in Al-Andalus geben.

Wenn Ihnen Fehler aufgefallen sind oder Sie Ergänzungen haben, freue ich mich über einen Kommentar von Ihnen!

Ăśber die Autorin

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Mediävistin, hat elf Sprachen gelernt und arbeitet seit 2014 als freie Autorin, Texterin und Lektorin in Landshut. Sie schreibt historische Romane für Leser, die geschichtlich und sprachlich ins Mittelalter eintauchen wollen, und hat einen Ratgeber für Nachwuchsautoren veröffentlicht.

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  • „Leuchtend einfarbige Kleidung dagegen deutete auf weibliche Unterhalter hin“ – Ich verstehe das so, dass Männer, die von reichen Frauen ausgehalten wurden, dies durch die Kleidung kundtaten. Gab es solche Beziehungen häufig? Wie muss ich mir das vorstellen? AuĂźereheliche Beziehungen wurden bei Frauen nicht toleriert, so dachte ich zumindest. Ist das „Aushalten“ eher als Mäzenatentum zu verstehen?

    • Interessanter Ansatz. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich habe meinen Quelltext so verstanden, dass es sich bei den entsprechenden Damen um Personen handelt, die in irgendeiner Weise andere durch Gesang, Tanz, Erzählungen oder andere Dienstleistungen bei Laune halten.
      In der Tat, außereheliche Beziehungen waren und sind im Islam streng verboten, obwohl bei Männern – wie auch im christlichen Abendland – oft genug ein Auge zugedrückt wurde.
      Jetzt muss ich doch noch mal genau nachschauen, was es mit dem weiblichen Unterhaltertum auf sich hat! Eine Ergänzung/Klärung/Korrektur reiche ich so bald wie möglich nach.

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