Nachwuchsautoren im Gespräch: Jessica Bradley

Autorin Jessica Bradley, Fotorechte: Anne Servos

Interviews mit Bestseller-Autoren gibt es überall. Also her mit den Nachwuchsautoren!

Diese Woche stelle ich Jessica Bradley vor, die bei Geschichten den Dreh raus hat.

Hallo Jessica. Vielen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst, um mir ein paar Fragen zu beantworten.

Du schreibst Jugendbücher, Drehbücher, machst Filme, leitest den BVjA-Stammtisch in Köln und noch mehr. Wie bist Du dazu gekommen und was machst Du davon am liebsten?

Ich bin auf unterschiedliche Weise zu den Projekten gekommen. Nach einem schweren Schicksalsschlag 2010, brauchte ich etwas, um wieder ins Leben zurückzufinden. Ich erinnerte mich, wie gerne ich Geschichten geschrieben habe, und fing wieder an, Geschichten für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Nach geraumer Zeit vermisste ich das Drehbuchschreiben, das ich bereits als Jugendliche getan hatte. Allerdings war mir von Anfang an klar, dass ich nicht zurück ans Theater wollte. Durch eine sehr gute Freundin kam ich zu CuBird, einer Filmproduktionsfirma in Berlin. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge.

Die Leitung des BVjA-Stammtisches für Autoren in Köln habe ich übernommen, als klar wurde, dass Jasmin Zipperling diesen Posten verlassen würde. Damit es weiterhin einen Treffpunkt für Autoren gibt, habe ich die Leitung übernommen. Allerdings bin ich da in ziemlich große Fußstapfen getreten, die ich bis heute nicht ausfüllen kann.

Es ist schwer zu sagen, was ich von meinen Projekten am liebsten mache. Ich arbeite bei allen Projekten mit so lieben Menschen zusammen, dass ich mich nicht entscheiden könnte.

Wie bringst Du Deine Geschichten lieber an die Öffentlichkeit – über Self-Publishing oder im Verlag?

Vor einigen Wochen hätte ich noch inbrünstig mit „Verlag“ geantwortet. Doch seit ich mein sozialkritisches Drama Nachtfrost im Self-Publishing gemacht habe, merke ich, dass ich sehr gerne eine Hybrid-Autorin bin. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Während man als Self-Publisher sehr viel selbst entscheiden kann, muss man auch finanziell alles allein stemmen. Allerdings hat man bei beiden Versionen ein tolles Team zu Seite. Somit würde ich heute sagen: Beides ist toll.

Liest Du selbst lieber E-Books oder gedruckte Bücher?

Ich habe sowohl E-Books als auch gedruckte Bücher. Wobei das gedruckte Buch überwiegt. Es ist einfach ein nostalgisches Gefühl, wenn man die frisch gedruckten Seiten riecht. Wenn ich mich entscheiden müsste, so würde ich das gedruckte Buch vorziehen. 

Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei Dir aus?

Was ist bei mir typisch? Nein, ernsthaft, ich glaube, sowas gibt es bei mir nicht. Es ist immer situationsbedingt, wie mein Tagesablauf aussieht. Nur eins haben alle Tage gemeinsam: Sie sind chaotisch.

Schreibst Du jeden Tag?

Nein. Es gibt Tage, da bin ich so ausgelaugt, an denen schaffe ich es nicht, auch nur ein Wort zu tippen. Dafür mache ich dann etwas anderes. In meinen „Schreibauszeiten“ male ich sehr gerne. Das gibt mir neue Kraft und lässt meine Kreativität wieder aufblühen.

Englische Autoren werden gerne gefragt, ob sie „Plotter“ oder „Pantser“ sind, also Planer oder Bauchschreiber. Zu welcher Fraktion gehörst Du?

Definitiv ein „Plotter“. Meine Kollegen haben herausgefunden, dass ich sogar die „Königsdisziplin“ der Plotter erreicht habe.

Meine Arbeitsweise ist sehr stark an das Drehbuchschreiben gekoppelt. Egal ob ich gerade einen Text für eine Werbung, ein Kinder- oder Jugendbuch, einen Film oder eine Serie schreibe, ich plane alles bis ins kleinste Detail. Vorher kann ich gar nicht erst anfangen zu schreiben. Jede Szene, jedes Kapitel wird genauestens geplant. Ansonsten würde ich mich einfach in meinen Texten verlieren und kein Ende finden.

Viele Autoren schwören auf Kaffee beim Schreiben. Welche Geheimmittel bringen Dich durch lange Schreibphasen?

Kaffee! Ich bin eine leidenschaftliche Kaffeetrinkerin. Es gibt aber auch Abende, da braucht es ein gutes Glas Wein. Klischeehaft, ich weiß, aber die Wahrheit. Allerdings wenn es gegen Herbst/Winter geht, trinke ich auch sehr gerne Tee. Meist noch irgendetwas zu knabbern, sonst rauche ich leider auch viel zu viel, während ich schreibe.

Welche Themen oder Zeiten interessieren Dich beim Schreiben am meisten? Worüber würdest Du niemals schreiben?

Mich interessieren die menschlichen Abgründe der Seele. Ob jetzt in Form von Dystopie, Drama, Fantasy oder Horror. Da dies zeitlos ist, begebe ich mich gerne quer durch die Zeiten.

Ich kann leider nichts mit Komödien oder Romanzen anfangen. Das sind zwei Genres, die ich wohl niemals bedienen werde.

Woher nimmst Du die Ideen für Deine Bücher? Fallen Dir die spontan ein oder hast Du eine Sammlung, aus der Du schöpfen kannst?

Ich hatte ein ziemlich bewegtes Leben, das nicht immer einfach und schmerzfrei war. Ich beschäftige mich sehr viel mit Aufarbeitung und Themen, die mich bewegen. Deshalb gehen mir selten die Ideen aus. Manchmal ist es nur ein Schlüsselreiz, der eine neue Geschichte in Gang setzt. 

Hast Du schon einmal überlegt, ein Buch mit einem Mann als Protagonist zu schreiben?

Ja, ich habe tatsächlich Geschichten, in denen sowohl Männer als auch Jungen die Protagonisten sind, in meiner Schublade liegen. Ich beschränke mich nicht auf ein Geschlecht. Ich liebe die Diversität. Und sollte ich mir irgendwann einmal unsicher sein, gibt es genug Sensitivity Reader, die ich zu Klischees und Ungenauigkeiten zu Rate ziehen kann. 

Hast Du literarische Vorbilder? Wenn ja, wen?

Wenn man ihn literarisch nennen mag: Stephen King. Aber auch Menschen wie Quentin Tarantino, John Carpenter, Tim Burton, Eric Clapton, John Saul, Terry Pratchett usw. gehören dazu. Viele werden jetzt stutzen und sagen: Das sind ja alles Männer. Ja, das stimmt. Ich habe als Kind auch lieber mit Autos und Action-Figuren gespielt. Ich bin männlich geprägt, ich hatte nie viele Frauen als Vorbilder, was ich bedauere. Eine Ausnahme gibt es: Marion Zimmer Bradley und ihr Buch Die Nebel von Avalon hat meine Faszination für Fantasy geweckt.

Welches Buch liegt aktuell auf Deinem Lesestapel?

Ich habe zurzeit drei Bücher auf meinem Lesestapel. 
1. Tanja Hanika: Werwölfe in Aremsrath
2. Katrin Ils: Unstern Band 1
3. Thomas Thiemeyer: Evolution Band 2

Was findest Du beim Schreiben eines Textes am schwierigsten?

Die Ausgewogenheit zwischen Beschreibung und Aktion. Ich liebe es, in Beschreibungen zu versinken. Manche Leser mögen es, andere nicht.

Was stört Dich am meisten am Autorendasein? Was genießt Du besonders?

Mich stört manchmal das Konkurrenzdenken einzelner Autor*innen. Nicht immer können Autor*innen zig Veröffentlichungen vorzeigen und sind deshalb in den Augen anderer Schreibender nicht ernst zu nehmen. Dies ist Blödsinn. Ähnlich wie bei mir, gibt es auch viele Schreibende oder generell Kunstschaffende, die hinter den Kulissen viel geleistet haben. Nicht immer kann man an der Masse der Veröffentlichungen erkennen, wie professionell oder engagiert ein kreativer Mensch ist.

Ich genieße aber auch den Zusammenhalt der Community. Ich bin gerne in meiner Autoren-Blase. Und jeder Leser, der berührt und begeistert von meinen Geschichten ist, ist eine wunderbare Erfahrung.

Die Bücherwelt dreht sich immer schneller. Manche Autoren bringen vier bis sechs Bücher pro Jahr auf den Markt. Einen Roman in 30 oder 60 Tagen zu schreiben, wird überall als machbar angepriesen. Siehst Du dieser Entwicklung gelassen entgegen oder fühlst Du Dich dadurch unter Druck gesetzt?

Nein. Ich bin da ganz relaxt. Ich weiß genau, wie lange meine Geschichten reifen müssen, bis sie soweit sind, das Licht der Welt zu erblicken. 
Ich freue mich für Autoren, die es schaffen, ihre Geschichten in kurzer Zeit zum Leben zu erwecken, aber deshalb muss das nicht für mich gelten.

Wenn Du anderen Nachwuchsautoren einen Rat geben solltest, welcher wäre das?

Gib nicht auf. Egal wie viele Rückschläge und Absagen auf dich einregnen. Irgendwann ist die Zeit für dich gekommen. Schreib das, was du liebst, weil du es liebst, und lass dich nicht verbiegen. Dann kommst du auch weiter.

An was arbeitest Du gerade und was sind Deine nächsten Projekte?

Am 16. September 2019 erschien mein Debütroman Nachtfrost, der überall erhältlich ist.

Im Moment arbeite ich mit Tanja Hanika und Ulli Bujard an #DarkLegends. Was das genau ist, darf ich aber noch nicht verraten.

Außerdem schreibe ich seit Ende September mit einem Autorinnen-Team und einer Illustratorin an einer Kinderbuchserie, sowie an einer Dystopie (#Virus, lautet der Arbeitstitel) für einen Verlag.

Wo kann man Dich online am besten erreichen, wenn man sich für Dich und Deine Bücher interessiert?

Am besten kann man mich über Twitter oder E-Mail erreichen. Schreibt mich einfach an, wenn ihr Fragen habt. Ich versuche, jede Nachricht relativ schnell zu beantworten.

Außerdem kann man mich persönlich jeden dritten Dienstag im Monat beim Kölner BVjA-Autorenstammtisch treffen. Auch junge Autoren oder buchinteressierte Menschen sind jederzeit gerne gesehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Jessica.


Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, auch unter die Nachwuchsautoren zu gehen, dann schauen Sie doch mal in meine Artikelserie Kreatives Schreiben professionell hinein. Darin begleite ich Hobbyautoren von der Buchidee bis zum fertigen Buch und noch ein Stückchen weiter.