Nachwuchsautoren im Gespräch: Michael Leuchtenberger

Interviews mit Bestseller-Autoren gibt es überall. Aber was beschäftigt Autoren, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen? Wie ergeht es den Nachwuchsautoren, die gerade an ihrem Debüt arbeiten oder noch eine sehr überschaubare Anzahl größerer Veröffentlichungen vorweisen können? In dieser neuen Interview-Reihe stelle ich junge Schreibtalente vor, deren Leben, Werke und Projekte nicht minder spannend sind als die der bekannten Schriftsteller. Lassen wir die Nachwuchsautoren also zu Wort kommen!

Diese Woche stelle ich Michael Leuchtenberger vor, der eine kreative Schwäche für übernatürlichen Grusel im normalen Leben hat.

Hallo, Michael. Vielen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst, um mir ein paar Fragen zu beantworten.

Du schreibst Kurzgeschichten und Thriller. Wie bist Du dazu gekommen? Was schreibst Du am liebsten und warum?

Mich haben schon immer düstere und geheimnisvolle Geschichten angezogen, auch schon als Kind. In den Genres Mystery und Horror fühle ich mich am meisten zuhause. Dabei habe ich eine besondere Schwäche für Übernatürliches, weniger für Krimis oder Thriller über Serienmörder. Ich male mir wohl gern Dinge aus, von denen mein eigentlich recht rationaler Kopf weiß, dass es sie (wahrscheinlich?) nicht gibt. In Kurzgeschichten habe ich aber auch schon andere Genres ausprobiert, Phantastisches ebenso wie Realistisches.

Kreativ war ich schon immer gerne, aber wirklich konsequent als Autor bin ich erst seit 2015 aktiv. Das hat sich durch eine Phase der beruflichen Neuorientierung ergeben, in der ich viel Zeit zum Schreiben hatte.

Du bist Self-Publisher. Kam es für Dich nie in Frage, bei einem Verlag zu veröffentlichen? Was magst Du am Self-Publishing? Auf was könntest Du verzichten?

Mein Debütroman, Caspars Schatten, wurde anderthalb Jahre lang durch eine Agentur bei Verlagen vertreten, ohne Erfolg. Nach Ablauf des Agenturvertrags lag das Buch schon drei Jahre unveröffentlicht in der Schublade. Ich hatte viel gutes Feedback im Freundeskreis erhalten und wurde ungeduldig, wollte wissen, ob es ein breiteres Publikum finden würde. Darum habe ich es schließlich selbst veröffentlicht. Das habe ich überhaupt nicht bereut, im Gegenteil. Ich empfinde es als großen Vorteil, alles selbst in der Hand zu haben, und mir macht es auch Spaß, selbst dafür ein wenig zu werben. Zeitlich und finanziell stoße ich da natürlich schnell an Grenzen. Aber mein Anspruch ist auch derzeit nicht, dass es „durch die Decke gehen“ muss. Der Spaß am Schreiben und Veröffentlichen ist mir das Wichtigste.

Deine Texte erscheinen gedruckt und als E-Books. Was liest Du selbst lieber?

Ich lese meist Taschenbücher und höre viele Hörbücher. Mit E-Books habe ich gerade erst angefangen und mich noch nicht richtig daran gewöhnt. Vielleicht ändert sich das noch.

Du bist Autor und Student im Bereich Soziale Arbeit. Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei Dir aus?

Von Tag zu Tag unterschiedlich. Ich habe einen Teilzeit-Brotjob, der mir Gott sei Dank auch viel Spaß macht. Damit muss ich das Studium und das Schreiben vereinbaren. Darum habe ich im Moment auch keine feste Schreibroutine und muss die Gelegenheiten beim Schopf packen. Am kreativsten bin ich morgens mit dem ersten Kaffee oder am späten Abend. 

Schreibst Du jeden Tag?

Nein. Gerade in den letzten Monaten gab es Phasen, in denen ich wochenlang nicht geschrieben habe. Stattdessen habe ich mich mehr mit Marketing beschäftigt und mich mehr mit anderen Autor*innen vernetzt, das macht auch viel Freude. Jetzt kehre ich hoffentlich langsam wieder mehr zum Schreiben zurück.

Englische Autoren werden gerne gefragt, ob sie „Plotter“ oder „Pantser“ sind, also Planer oder Bauchschreiber. Zu welcher Fraktion gehörst Du?

Ein Zwischending, wie bei den meisten. Bei Kurzgeschichten schreibe ich meist einfach drauflos, nur mit einer groben Idee im Kopf. Meinen Debütroman habe ich dagegen im Rahmen eines Kurses für Kreatives Schreiben vorbereitet, ausgehend von der Hauptfigur über einen Konflikt bis zum Plot. Am Ende hatte ich eine Zusammenfassung auf 10 Seiten in der Hand, das hat mir das Ausarbeiten leicht gemacht. Beim zweiten Roman, den ich derzeit schreibe, ist die Vorabplanung trotzdem spärlicher ausgefallen.

Viele Autoren schwören auf Kaffee beim Schreiben. Welche Geheimmittel bringen Dich durch lange Schreibphasen?

Genau das! Kaffee! 

Welche Themen oder Zeiten interessieren Dich beim Schreiben am meisten? Worüber würdest Du niemals schreiben?

Meine Geschichten sind zum größten Teil in unserer Welt und unserer Gegenwart angesiedelt. Ein historisches Setting gibt es bislang nur in einer meiner Kurzgeschichten.

Ich mag es, wenn in das völlig Normale plötzlich das Übersinnliche, das Chaos hereinbricht, fast egal in welcher Form, und Menschen wie du und ich damit irgendwie klarkommen müssen. Stephen King hat mich da wohl sehr geprägt. Er macht das wunderbar, weil er nicht nur ein Meister des Schreckens ist, sondern auch im Ausgestalten von Milieus und glaubwürdigen Charakteren „von nebenan“.

Über das „Niemals“ habe ich neulich schon einmal nachgedacht und möchte eigentlich wenig ausschließen. Ich stehe als Autor immer noch am Anfang und probiere Vieles aus. 
 
Von welcher historischen Persönlichkeit könntest Du Dir vorstellen, dass sie in Deinen Büchern auftaucht? Oder ziehst Du fiktive Charaktere vor?

Interessante Frage! Generell ziehe ich fiktive Figuren vor, aber es könnte durchaus sein, dass mir mal eine spannende historische Persönlichkeit begegnet, über die man vielleicht noch nicht so viel weiß, die mich zu einer Geschichte inspiriert.

Woher nimmst Du die Ideen für Deine Bücher? Fallen Dir die spontan ein oder hast Du eine Sammlung, aus der Du schöpfen kannst?

Ich gehöre nicht zu denen, die an jeder Ecke neue Ideen aufschnappen und die Schubladen voll davon haben. Wenn mir eine zufliegt, muss ich sie krampfhaft festhalten und dann arbeite ich sie irgendwann aus. Ich arbeite noch daran, mein Gespür dafür zu verbessern, wo sich überall Geschichten verstecken. Mehrere Kurzgeschichten sind aber zum Beispiel schon durch Themenvorgaben in Ausschreibungen entstanden.

Hast Du schon einmal überlegt, ein Buch mit einer Frau als Protagonistin zu schreiben?

Ja, ich habe schon mehrere Kurzgeschichten mit weiblichen Hauptfiguren geschrieben und auch in meinem zweiten Roman wird es eine geben. Ich schreibe außerdem gerne Kurzgeschichten in der Ich-Perspektive. Dabei ist es schon vorgekommen, dass das Geschlecht gar nicht genannt wurde.
Mein Debütroman hat eine recht altmodische Rollenverteilung bezogen auf Geschlechter, und das ist eine der wenigen Sachen, die mich daran im Nachhinein stören. Ich habe mich da zu sehr von traditionellen Gruselgeschichten beeinflussen lassen, Stichwort „damsel in distress“. 

Hast Du literarische Vorbilder? Wenn ja, wen?

Vorbild wäre das falsche Wort, aber viele Autor*innen inspirieren mich. Stephen King habe ich schon erwähnt, wobei ich längst nicht alles von ihm mag und er mir oft zu geschwätzig ist. Aber er schreibt so unerschrocken, bei ihm ist einfach alles möglich. Das fasziniert mich. Edgar Allan Poe ist, was wirklich unheimliche Geschichten angeht, vielleicht immer noch unerreicht.

Aber ich bewundere auch Autor*innen ganz anderer Genres, etwa Juli Zeh für ihren prägnanten Stil oder T.C. Boyle für seine Art, Komik und Tragik zu vermischen.

Welches Buch liegt aktuell auf Deinem Lesestapel?

Zuletzt habe ich Bücher von mehreren Self-Publishing-Kolleg*innen gelesen, aktuell Verkennung von Jane D. Kenting. Es ist exzellent geschrieben und hat genau die subtile Spannung und rätselhafte Atmosphäre, wie ich sie mag. Ich würde es speziell allen empfehlen, die noch Vorbehalte gegenüber Self-Publishing-Büchern haben.

Als Hörbuch ist gerade Fahrenheit 451 von Ray Bradbury dran, gelesen von Schauspieler Tim Robbins. Ich hole gerne zwischendurch Klassiker nach, die ich bislang versäumt habe.

Was findest Du beim Schreiben eines Textes am schwierigsten?

Das Schreiben selbst fällt mir meist nicht so schwer, wenn ich einmal dabei bin, egal ob nun Dialoge oder Beschreibungen. Was mich eher quält, ist, eine Idee weiterzuentwickeln oder das Plotten komplexerer Geschichten, Fragen wie „Und wie soll’s jetzt weitergehen?“ etc.

Was stört Dich am meisten am Autorendasein? Was genießt Du besonders?

Im Moment gibt es nichts, was mich sonderlich stört. Ich entdecke das Autorendasein immer noch mit viel Freude. Neben dem Schreiben selbst genieße ich zunehmend den Austausch mit anderen Schreibenden und mit meinen Leser*innen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man merkt, da setzt sich jemand wirklich ernsthaft mit dem auseinander, was ich da fabriziert habe.

Die Bücherwelt dreht sich immer schneller. Manche Autoren bringen vier bis sechs Bücher pro Jahr auf den Markt. Einen Roman in 30 oder 60 Tagen zu schreiben, wird überall als machbar angepriesen. Siehst Du dieser Entwicklung gelassen entgegen oder fühlst Du Dich dadurch unter Druck gesetzt?

Das bekomme ich ehrlich gesagt gar nicht so mit. Ich arbeite in meinem eigenen Tempo, mir sitzt kein Verlag im Nacken, und ich setze mich höchstens selbst unter Druck, weil ich es kaum erwarten kann, dass es da draußen noch mehr von mir zu lesen gibt als nur die zwei bislang veröffentlichten Werke.  

Wenn Du anderen Nachwuchsautoren einen Rat geben solltest, welcher wäre das?

Eine allseits bekannte, aber für mich die beste Regel, um sich zu motivieren: Schreib die Geschichte, die du selber gerne lesen würdest. Welche Story mit welchen Figuren vermisst du auf dem Markt? Zu welchem Buch würdest du sofort greifen, wenn es dir im Laden in die Hände fällt? 

Du warst vor kurzem zum ersten Mal mit einer Lesung auf dem Hamburger Literaturcamp. Erzähl mal!

Eine wunderbare Erfahrung. Endlich habe ich einige Menschen persönlich kennengelernt, die ich zuvor nur als fleißige, inspirierende Twitterprofile kannte. Die Litcamp-Sessions tagsüber waren sehr vielfältig, ich habe daraus viele Denkanstöße mitgenommen. Und auch die Lesung mit 9lesen hat großen Spaß gemacht. Es waren großartige Kolleginnen mit dabei, die ebenfalls vorgetragen haben. Das war gerade für das erste Mal so erleichternd wie bereichernd. Für meine eigene Lesung habe ich schöne Rückmeldungen erhalten und im Anschluss auch einige Bücher verkauft und signiert. 

Woran arbeitest Du gerade und was sind Deine nächsten Projekte?

Ich stecke mitten in einer Fortsetzung meines Romans, diese wird frühestens Ende 2020 erscheinen. Vorher plane ich, eine eigene Kurzgeschichtensammlung zu veröffentlichen, wo ich mehr Bandbreite in den Genres zeige. Noch für dieses Jahr sind auch erstmals zwei Veröffentlichungen in einer Anthologie bzw. einer Zeitschrift geplant. Und schließlich bin ich gerade erst einer Gruppe von Autor*innen mit dem Namen „Blutgruppe H“ beigetreten, die voraussichtlich 2021 eine eigene Horror-Anthologie herausbringt. Es geschehen sehr viele, unglaublich tolle Dinge! 

Wo kann man Dich online am besten erreichen, wenn man sich für Dich und Deine Bücher interessiert?

Ich bin bei Twitter als @MichaLeuchte aktiv und freue mich über Vernetzung!

Vielen Dank für das Gespräch, Michael.


Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, auch unter die Nachwuchsautoren zu gehen, dann schauen Sie doch mal in meine Artikelserie Kreatives Schreiben professionell hinein. Darin begleite ich Hobbyautoren von der Buchidee bis zum fertigen Buch und noch ein Stückchen weiter.