Recht im Mittelalter

19. Juli 2019

Birgit Constant

Das Mittelalter war alles andere als chaotisch und gesetzlos. In diesem Beitrag m√∂chte ich auf einige Aspekte der Umsetzung von Recht im Mittelalter eingehen, auf die ich im Rahmen meiner Recherche zu einem meiner Romane stie√ü. Tauchen wir also ins  normannisch besetzte England des 11. Jahrhunderts ab und sehen uns eine Gerichtsverhandlung und die damit verbundenen Fragen rund um die mittelalterliche Rechtsprechung und die Handhabung von Gefangenen an.

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Recht im Mittelalter ist mehr als Schw√ľre auf Reliquien und Feuerproben

Im 11. Jahrhundert war es gang und g√§be, eine Gerichtsverhandlung mit Richter, Ankl√§ger, Verteidiger und zw√∂lf Geschworenen zu halten. Wenn man bedenkt, dass die Normannen damals die Herrschaft √ľber England innehatten, √ľberrascht es vielleicht umso mehr, als dass die H√§lfte der Geschworenen aus Normannen, die andere H√§lfte aber aus Angelsachsen bestand. Das war taktisch klug von den normannischen Lehnsherren, denen sehr viel daran lag, ihre Herrschaft und Entscheidungen als legitim und als von der einheimischen Bev√∂lkerung unterst√ľtzte Aktionen darzustellen. Auch die Normannen wollten schlie√ülich nicht st√§ndig gegen eine Wand des Widerstands k√§mpfen, daher die Herleitung des Thronanspruchs Wilhelms durch die Abmachung mit dem fr√ľheren K√∂nig Eduard dem Bekenner, die Verheiratung normannischer Barone mit angels√§chsischen Witwen, die √úbernahme vieler traditioneller Gesetze und Vorschriften der Angelsachsen.

Das Geschworenengericht an sich haben aber nicht die Normannen erfunden, auch wenn heutzutage viele rechtliche Begriffe im Englischen normannischen bzw. franz√∂sischen Ursprungs sind. Geschworene gab es bereits bei den Angelsachsen, aber urspr√ľnglich stammt diese Idee von den D√§nen, die gro√üe Teile von Nordostengland im 9. und 10. Jahrhundert besiedelt haben und von denen die Angelsachsen und schlie√ülich auch die Normannen ‚ÄĒ und der Rest der Welt ‚ÄĒ diese rechtliche Institution √ľbernommen haben. 

Spannend wurde es damals, wenn es an die Verständigung der Geschworenen untereinander ging. Da mussten dann oft die Dolmetscher her, meist ein Priester oder Beamter, die die jeweils anderen Sprachen verstanden und sprachen.

Mit der Sprache war es ohnehin so eine Sache im 11. Jahrhundert in England, nicht nur bei Gericht, sondern auch bei der ersten Volksz√§hlung, dem Domesday Book im Jahre 1086. Normannische Abgesandte, die aus angels√§chsischen Dienern etwas √ľber die H√∂fe und deren Bewohner, Vieh und Felder herausfinden sollten, hatten es sicher nicht einfach. Nicht umsonst wurden mehrmals Leute ausgesandt, f√ľr den Fall, dass etwas nicht richtig verstanden wurde oder jemand gelogen hatte. Mehr √ľber Sprache und das Domesday Book erfahren Sie in diesem Beitrag.

Recht im Mittelalter bedeutet Hängen, Köpfen und vor allem brennende Scheiterhaufen, oder?

Hinrichtungen waren unter Wilhelm I. un√ľblich. Stattdessen dachte man sich alle Sorten von Verst√ľmmelungen f√ľr Verbrecher aus, die zur Abschreckung Anderer dienen sollten. 

Vor Gericht verurteilt und bestraft werden, konnte jeder, der √§lter als zw√∂lf Jahre war ‚Äď dem Alter, in dem man auch an Gerichtsverhandlungen teilnehmen konnte bzw. musste, sofern man m√§nnlich war.

Neben der Verurteilung und Bestrafung durch Verst√ľmmelung, warteten aber noch mehr Unannehmlichkeiten auf den Angeklagten. Hatte er jemanden get√∂tet, mussten er zus√§tzlich noch Wergeld an die Angeh√∂rigen bzw. den Herrn des Get√∂teten zahlen. Konnte er das nicht, wurde die Geldstrafe von der Hundertschaft des Verurteilten eingezogen, also der Verwaltungsregion, in der er lebte. Noch ein Grund mehr f√ľr die restlichen Bewohner, den Angeklagten, Verurteilten und Verst√ľmmelten zu hassen.

Recht im Mittelalter auch f√ľr Kleriker

Ein Kloster stand zwar auf dem Land des √∂rtlichen Lehnsherrn, aber Richter f√ľr Nonnen und M√∂nche war in erster Linie der zust√§ndige Erzbischof, nicht der weltliche Besitzer des Grund und Bodens. Insofern besitzen Geistliche durch ihre Klosterzugeh√∂rigkeit zumindest einen gewissen Schutz vor der Willk√ľr des Lehnsherren. Das hei√üt aber nicht, dass sie sich je nach der Schwere ihrer Vergehen ganz der weltlichen Justiz entziehen k√∂nnen. So scheute sich Wilhelm I. keinesfalls davor, seinen Halbbruder Odo, Bischof von Bayeux und Earl of Kent, wegen Verschw√∂rung ins Gef√§ngnis werfen zu lassen.

Recht im Mittelalter ist wie auf dem Schlachtfeld: keine Gefangenen!

Jein. Im 11. Jahrhundert gab es zwar noch keine speziellen Gef√§ngnisse in England  ‚Äď diese kamen erst ab dem 12. Jahrhundert in Mode ‚Äď, aber Gefangene oder Verurteilte gab es trotzdem. Diese wurden in Ermangelung gesonderter Geb√§ude entweder auf einer Burg oder in speziellen H√ľtten vor√ľbergehend in Gewahrsam genommen. Man darf nicht vergessen, dass Gef√§ngnisse lange nur als Aufbewahrungsort bis zur Gerichtsverhandlung gedacht waren, nicht als Bestrafung mit monate- oder gar jahrelanger Aufbewahrung. Dementsprechend kamen Angeh√∂rige wohl eher zur Gerichtsverhandlung ‚Äď etwa in der f√ľr die Allgemeinheit zug√§nglichen gro√üen Halle eines Gutshofs ‚Äď  oder zur Vollstreckung des Urteils ‚Äď beispielsweise auf dem Dorfplatz ‚Äď, als dass sie sich in die N√§he eines abgelegenen und gut gesicherten Gef√§ngnisses machten.

Dass Menschen sterben ‚Äď Alter, Krankheit, Krieg, Unf√§lle ‚Äď, war v√∂llig normal f√ľr die Leute damals. Auch Verurteilungen und grausame Strafen lagen an der Tagesordnung. Dar√ľber hinaus war der Lebensalltag zum gro√üen Teil durch den Stand vorgegeben, in den man geboren war. Nat√ľrlich gab es auch Freizeit, insbesondere in den h√∂heren St√§nden, wenn mal gerade kein Krieg herrschte, aber diese Zeit verbrachte man nicht mit Detektivarbeit und karitativen Zwecken. Ja, man hat vielleicht einen Angeh√∂rigen oder Freund verloren und das Urteil war vielleicht ungerecht, aber das Leben im Mittelalter ist harsch, und der Herrschende macht die Gesetze. Ja, man k√∂nnte versuchen, dem Angeklagten vor und nach der Verhandlung zu helfen, aber was w√ľrde das bringen, au√üer dass man wom√∂glich den Unwillen des Herrschers auf sich zieht? Gerade als Mitglied eines der unteren St√§nde k√§mpft man tagt√§glich ums √úberleben. Man w√ľrde nicht nur sein Leben, sondern auch sein Seelenheil gef√§hrden, wenn man in eine Angelegenheit eingreift, deren letztendlich in Gottes Hand liegt. Was k√∂nnte ein kleiner, schwacher Mensch gegen eine derartige √úbermacht ausrichten?

√úber die Autorin

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Medi√§vistin, hat elf Sprachen gelernt und arbeitet seit 2014 als freie Autorin, Texterin und Lektorin in Landshut. Sie schreibt historische Romane f√ľr Leser, die geschichtlich und sprachlich ins Mittelalter eintauchen wollen, und hat einen Ratgeber f√ľr Nachwuchsautoren ver√∂ffentlicht.

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