Wenn einer im Mittelalter eine Reise tat, …

… dann machte er das normalerweise nicht freiwillig und nur auf dem Weg des geringsten Widerstands. Das bedeutete selbstverständlich immer noch nicht, dass Reisen zum Vergnügen wurde. Denn im Mittelalter war Reisen vor allem mühsam, eine Gefahr für Leib und Leben und sehr, sehr zeitraubend.

In einer Zeit mit Flugzeug, ICE und schnellen Autos kann man nur schwer erahnen, wie lange man im Mittelalter brauchte, um sich von A nach B zu bewegen. Zum Glück bestand zum Reisen für die unteren Stände meist keine Notwendigkeit. Man wurde an einem Ort geboren, wuchs dort auf, lebte dort und starb dort. Punkt. Wer doch einmal irgendwohin musste, war froh, wenn er heil angekommen war, denn Reisen war nicht nur ungemütlich, sondern auch gefährlich: Außer den relativ gut ausgebauten ehemaligen Römerstraßen waren die Wege und Straßen miserabel, die Strecken bis zur nächsten Ortschaft lang und voller Angriffsmöglichkeiten für wilde Tiere (Wildschweine, Bären, Wölfe) oder geldgierige Wegelagerer und Räuber.

Sollte eine Reise unvermeidbar sein, beispielsweise für Kaufleute, Pilgerer, Boten oder Ritter, so hatte man je nach Ziel die Wahl zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln: auf dem Lande zu Fuß (so wie das Gros der Reisenden), auf dem Ochsenkarren, mit der Kutsche oder zu Pferd; auf dem Wasser in Schiffen verschiedener Größen.

Angenommen, Sie reisen von München nach Hamburg, ca. 800 km. Mit dem Flugzeug benötigen Sie dafür ein paar Stunden, mit dem Zug ca. 6 Stunden, mit dem Auto ca. 7 Stunden. Es handelt sich also um eine Strecke, die heutzutage in einem Tag erledigt ist. Was glauben Sie, wie lange ein Reisender im Mittelalter dafür gebraucht hätte?

  1. Zu Fuß
  2. Zu Pferd
  3. Mit dem Schiff (gut, das wird bei dieser Strecke etwas schwierig … nehmen wir stattdessen den Seeweg von Hamburg nach London.)

Für die geschätzten Durchschnittswerte darf man für Reisende auf dem Land im Schnitt nicht mehr als 4 bis 6 Stunden tatsächliche Reisezeit ansetzen. Schließlich brauchten Mensch und Tier angesichts der erbärmlichen Straßen und den Reisegefahren zwischendurch Pausen oder mussten mit Verzögerungen durch äußere Umstände (Krankheiten, Verletzungen, Wetter, Gelände, …) rechnen. Schauen wir uns die mögliche Reisezeit einmal genauer an:

    1. Zu Fuß: Die meisten Reisenden waren zu Fuß unterwegs und legten ca. 4 bis 6 km/h zurück. Bei einer Tagesleistung von 24 bis 36 km hätte man für die Strecke also zwischen 3 und 5 Wochen benötigt.
    2. Zu Pferd: Obwohl ein Pferd im Galopp durchaus das Drei- oder Vierfache eines Fußgängers erreicht, kann es diese Geschwindigkeit nicht den ganzen Tag durchhalten. Gut das Doppelte, also 50 bis 60 Tageskilometer, sind aber möglich gewesen – dies hätte übrigens damals auch ein speziell ausgebildeter Läufer geschafft. Das Ziel hätte man also nach ungefähr zwei Wochen erreicht. Eilboten schafften es im Spätmittelalter mit Pferdewechsel immerhin auf 80 bis 100 km pro Tag und wären so etwas mehr als eine Woche zwischen den beiden Metropolen unterwegs gewesen. Den Rekord zu Fuß bzw. zu Pferd halten anscheinend die indischen Stafettenläufer des 14. Jahrhunderts sowie die mongolischen Pferdestaffetten aus dem 13. Jahrhundert, die es auf 300 bzw. 375 km pro Tag bringen.
    3. Mit dem Schiff: Ein Flussschiff schaffte flussabwärts etwa 100 bis 150 km pro Tag, Segelschiffe konnten zwischen 120 und 200 km täglich fahren. Sie hätten also ihr Ziel unter günstigen Umständen innerhalb einer Woche erreicht.

Eine Übersicht über diese und weitere Reisegeschwindigkeiten im Mittelalter findet man bei Oliver H. Herde sowie in: Kleine Enzyklopädie des deutschen Mittelalters.

Einen schönen Einblick ins mittelalterliche Reisen allgemein bietet die Seite über den weitgereisten Philosophen und Logiker Ramon Llull.

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Mediävistin mit langjähriger IT-Erfahrung, liebt Sprachen, Sprache und das Schreiben, und liest wahnsinnig gerne vor. Als Wandlerin zwischen den Welten betreibt sie Extremsport auf die sanfte Art und verbindet dadurch Bereiche, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: deutsch und fremdsprachlich, Groß und Klein, modern und mittelalterlich, Frau und Technik, und noch einiges mehr.