Wie wurde man im Mittelalter vom Pagen zum Ritter?

„Hallo, hier ist wieder Roger aus Wilberfoss. Erinnert Ihr Euch noch an den Fechtmeister, den ich letztens erwähnt habe? Ein wirklich harter Knochen, aber er versteht sein Handwerk und kennt kein Pardon mit uns. Soweit ich weiß, gibt es in unserer Zeit niemanden weit und breit, der sich mit ihm messen könnte, weder bei uns in England noch in den Ländern jenseits des Meeres.“

„Unser Fechtmeister ist Angelsachse und stammt aus einer langen Serie von huscarls; das war die Leibgarde des letzten angelsächsischen Königs Harold Godwinson. Er ist ein exzellenter und erfahrener Kämpfer, der mich und meine Freunde am Gutshof zu Rittern ausbildet. Das ist schon komisch, denn er ist ja selber keiner. Wollt Ihr wissen, warum?“

„Nun, dazu müsst Ihr erst einmal wissen, dass die Ausbildung zum Ritter streng geregelt und ziemlich langwierig ist. Satte 14 Jahre müssen wir Jungs daran arbeiten, unseren Mut und unser Können offiziell auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen zu dürfen. Unsere Ausbildung beginnt, wenn wir 7 Jahre alt sind, und endet normalerweise mit 21 Jahren. Naja, bei Henri, seinem jüngsten Sohn, hat König Wilhelm eine Ausnahme gemacht. Der war nicht einmal 18 Jahre alt, als er von seinem Vater zum Pfingstfest 1086 seine Schwertleite erhielt.“

„Ich habe Glück gehabt, denn ich durfte am Gutshof meines Vaters bleiben. Viele meiner Freunde dagegen wurden mit 7 Jahren an den Hof eines reichen Adligen oder Verwandten geschickt, um dort ihre Ausbildung als Page zu beginnen – das ist nämlich die erste Stufe auf dem Weg zum Ritter. Als Pagen dürfen wir noch nicht mit gefährlichen Waffen kämpfen, sondern nur mit hölzernen Attrappen. Trotzdem sind sämtliche Übungen bereits gezielt auf körperliche Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit beim Kämpfen und Reiten ausgerichtet. Ich erinnere mich an eines dieser Geschicklichkeitsspiele, das darin bestand, dass einer von uns mit einer Lanze auf einem hölzernen Pferd auf Rollen saß. Zwei andere Pagen zogen dieses Pferd dann auf ein Ziel hin, das man mit der Lanze treffen musste. Manchmal mussten wir sogar selbst als Reittier herhalten und einen anderen Pagen auf die Schultern nehmen, damit dieser als Reiter seinen Gleichgewichtssinn üben konnte. Zum Glück gab es auch weniger peinliche Spielchen, bei denen man den Mädels zeigen konnte, wie gut man in Form ist: Klettern, Schwimmen, Steine- und Speerewerfen, Bogenschießen und Ringen.“

„Mit 14 Jahren sind diese Beschäftigungen dann vorbei, denn dann steigt man vom Pagen zum Knappen auf. Dann wird es ernst mit den Übungen. Als Knappe lernt man nämlich – endlich! – den Umgang mit Waffen aller Art, insbesondere dem zweihändig geführten Schwert, der Streitaxt, dem Streitkolben, dem Dolch und der Lanze. Diese Fertigkeiten werden sowohl zu Fuß als auch zu Pferd geschult, und es geht langsam deutlich ruppiger und ernster bei den Übungen zu. Jetzt versucht man mit der Lanze nicht mehr, ein festes Ziel zu treffen. Stattdessen zielt man beispielsweise auf Schilder an einem Balken, der beim Aufprall der Lanze derart herumschwingt, dass er einen aus dem Sattel haut, wenn man sich nicht schnell genug duckt oder weg reitet. Wer zu unbeholfen oder nicht schnell genug ist, bekommt umgehend seine verdiente Strafe – auch wenn diese glimpflicher ausfällt als in einer echten Schlacht.“

„Auf jeden Fall behält uns unser Fechtmeister bei allen Kämpfen mit Schwertern oder anderen Waffen argwöhnisch im Auge, auch wenn wir zum größten Teil weiterhin mit Holzwaffen oder zumindest stumpfen Waffen kämpfen. Wenn es mal wieder zu wild wird, unterbricht er die Kämpfe und scheucht uns zu den Pferden. Dann können wir unseren Übermut beim Aufzäumen, Reiten und Abzäumen sowie beim Säubern von Pferden und Ausrüstung ablassen. Gleichzeitig belehrt uns der Fechtmeister über den strategischen Umgang und Einsatz von Pferden im Kampf. Natürlich fragt er uns das alles am Folgetag wieder ab. Wer dann nicht antworten kann, darf gleich zu einer Runde Waffenputzen abmarschieren.“

„Nach 14 langen Jahren Lernen ist es dann endlich soweit: Ab 21 Jahren erhalten Knappen, die sich im Kampf und auch im sonstigen Verhalten anderen gegenüber würdig erwiesen haben, ihre Schwertleite. Das ist eine feierliche Zeremonie, bei denen der Herr des zukünftigen Ritters ihm sein Schwert umgürtet und ihm die Sporen anlegt – denn die musste man sich erst einmal verdienen. Wer dann noch entsprechend Geld hat, kann sich noch die restliche kostspielige Ausrüstung leisten, vor allem Kettenhemd und Helm sowie ein starkes und wendiges Schlachtross. Damit ist er nun bestens gerüstet, um seinem Herrn im Kampf beizustehen.“

„Mich würde interessieren, wie viele Leute es in England gibt, die sich so etwas leisten können. Da waren doch letztens diese Abgesandten vom König bei uns, die wissen wollten, was wir alles besitzen und wieviel. Vielleicht könnte ich da mal nachfragen … Das muss ich unbedingt überprüfen. Bis demnächst dann.“

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Mediävistin mit langjähriger IT-Erfahrung, liebt Sprachen, Sprache und das Schreiben, und liest wahnsinnig gerne vor. Als Wandlerin zwischen den Welten betreibt sie Extremsport auf die sanfte Art und verbindet dadurch Bereiche, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: deutsch und fremdsprachlich, Groß und Klein, modern und mittelalterlich, Frau und Technik, und noch einiges mehr.