Was redet der da? – Sprachen im mittelalterlichen England

„Hallo, hier ist wieder Roger aus Wilberfoss. Sprecht Ihr eigentlich außer Eurer Muttersprache noch eine andere Sprache? Tatsächlich? Bei uns scheint man im Moment an jeder Ecke eine andere Sprache zu hören. Naja, eigentlich nicht erst jetzt, denn es hat ja schon viel früher angefangen.“

„Im 5. Jahrhundert kamen nämlich die Angeln, Sachsen und Jüten auf diese Insel und vertrieben die ursprünglich keltische Bevölkerung nach Norden und Westen. Außer ein paar Wörtern ist nichts von ihnen in unserer Sprache geblieben. Viel mehr haben wir von den Wikingern übernommen, die vom 9. Jahrhundert an laufend die Küsten Englands verwüstet und Land und Leute ausgeplündert haben. Vor allem im englischen Nordosten, wo die Dänen sich auf Geheiß König Alfreds des Großen im sogenannten Denalagu niederließen, benutzen die Leute viele Wörter aus dem Altnordischen, nicht nur für Ortsnamen und landschaftliche Gegebenheiten. So trägt York beispielsweise einen altnordischen Namen. Dass wir so viele Wörter ins Englische übernommen haben, ist nicht verwunderlich, denn die Sprache der Dänen ist denen der Angelsachsen sehr ähnlich.“

„Ganz anders sieht es seit der Eroberung Englands durch König Wilhelm aus. Die Normannen sprechen eine ganz andere Sprache als die Angelsachsen, obwohl sie ursprünglich aus demselben Gebiet wie die Wikinger kamen. Jetzt sprechen unsere Bauern Englisch und ihre Herren Normannisch. Sie reden über dasselbe, aber mit anderen Wörtern, und keiner versteht den anderen. Ihr könnt Euch vorstellen, dass das tägliche Leben dadurch nicht einfacher wird. Nicht nur, dass viele der angelsächsischen Adligen ihren gesamten Besitz und oft auch ihr Leben verloren haben, nein, jetzt werden die Überlebenden auch noch von völlig fremden Menschen regiert, die weder ihre Sprache sprechen, noch ihre Geschichte und ihre Gepflogenheiten kennen und teilen. Immerhin gibt es in meinem Alter schon einige Leute, die aufgrund ihrer Eltern sowohl Englisch als auch Normannisch sprechen. Wir können sowohl mit den Bauern als auch mit den Herrschenden in ihrer Sprache reden und übersetzen. Das ist manchmal sehr praktisch, wie damals bei der Befragung durch die königlichen Kommissare. Darüber werde ich Euch beim nächsten Mal erzählen.“

Birgit Constant

Birgit Constant ist promovierte Mediävistin mit langjähriger IT-Erfahrung, liebt Sprachen, Sprache und das Schreiben, und liest wahnsinnig gerne vor. Als Wandlerin zwischen den Welten betreibt sie Extremsport auf die sanfte Art und verbindet dadurch Bereiche, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: deutsch und fremdsprachlich, Groß und Klein, modern und mittelalterlich, Frau und Technik, und noch einiges mehr.