Außenumschlag von Pierre Bouet, François Neveux: Der Teppich von Bayeux. Ein mittelalterliches Meisterwerk

Rezension: Bouet/Neveux: Der Teppich von Bayeux. Ein mittelalterliches Meisterwerk

Dieses Buch lässt das Herz jedes bibliophilen Anhängers des anglonormannischen Mittelalters schneller schlagen. Der Teppich von Bayeux. Ein mittelalterliches Meisterwerk ist ein qualitativ hochwertiges Sachbuch im Großformat, das durch seine exquisiten, sehr detailreichen Farbaufnahmen des gesamten Teppichs von Bayeux besticht und fachkundige Erklärungen zu jeder einzelnen Szene, Person, Inschrift und anderen Details bietet. Auch die Herstellung, das literarische und historische Umfeld, die Geschichte des Teppichs über die Jahrhunderte hinweg bis hin zu seiner Restaurierung werden ausführlich und wissenschaftlich fundiert beleuchtet.

Geschrieben wurde das Buch von zweien, die es wissen müssen: Pierre Bouet, Latinist und Spezialist für anglonormannische Geschichte, sowie François Neveux, seines Zeichens Historiker und Autor einer dreibändigen Geschichte der Normandie. Ihr gemeinsames Ziel war es, die Ergebnisse der Vielzahl von Publikationen über den Teppich von Bayeux – der korrekterweise nicht als Teppich, sondern als Stickerei bezeichnet werden sollte – für interessierte Laien und Fachleute zusammenzutragen und sich damit kritisch auseinanderzusetzen, damit der Leser sich sein eigenes Urteil über dieses Meisterwerk des Mittelalters bilden kann.

Das Buch ist unterteilt in Einleitung, vier Hauptteile und Schluss. Die kurze Einleitung („Vorspiel“) fasst die Vorgeschichte der Schlacht von Hastings zusammen und wirft Fragen zu Form, Inhalt, Geschichte und Funktion des Teppichs auf. Im Schlussteil resümieren die Autoren noch einmal die Antworten auf die anfänglichen Fragen. Außerdem findet der interessierte Leser dort noch eine ausführliche Bibliographie, eine Chronologie der auf dem Teppich dargestellten Ereignisse sowie den Stammbaum von Wilhelm dem Eroberer und den ersten normannischen Herzögen. Die vier Hauptteile gliedern sich wie folgt:

  1. Der Teppich von Bayeux – Szene für Szene
  2. Die Geschichte und ihre Unbekannten
  3. Das Kunstwerk
  4. Das Schicksal des Werkes

Im ersten Teil stellen die beiden Autoren das Werk mit einer doppelseitigen Abbildung des relevanten Teppichabschnitts Szene für Szene vor. Sie übersetzen die eingestickten lateinischen Kommentare auf dem Teppich, erläutern, was auf der Szene zu erkennen ist und wie Personen, Tiere, Gebäude, Handlungen und Ereignisse zeitlich, örtlich und inhaltlich einzuordnen sind.

Im zweiten Teil erfolgt ein detaillierterer Vergleich der Informationen auf dem Teppich mit zeitgenössischen Werken, die sich mit der Eroberung Englands durch den Herzog der Normandie und deren Vorgeschichte bzw. ihrer nachträglichen Interpretation befassen. Dazu gehören sowohl rein geschichtlich als auch eher literarisch fokussierte Werke von normannischer und englischer Seite, beispielsweise die Gesta Normannorum Ducum von Guillaume de Jumièges, Gesta Regum Anglorum von Guillaume de Malmesbury, Historia Ecclesiastica von Ordericus Vitalis, die Angelsächsische Chronik, der Roman de Rou von Wace oder die Chronique des ducs de Normandie von Benoît de Sainte-Maure.

Auf der Grundlage der vorliegenden Textquellen werden die Szenen umfangreich kommentiert und interpretiert. Dabei betten die Autoren die Informationen auf dem Teppich durch Angaben aus den historischen Texten kritisch in die Faktenlage ein – etwa in Bezug auf die unterschiedliche Gewichtung und Bewertung bestimmter Ereignisse auf normannischer und englischer Seite -, ergänzen sie durch weiterführende Details, wie beispielsweise den Inhalt von König Harolds Schwur, und bewerten anschließend die Darstellung auf dem Teppich.

Der Vergleich mit den schriftlichen Schilderungen der normannischen Eroberung zeigt, dass der Teppich als ältestes Dokument der normannischen Eroberung Englands oft eine eigene, in der Literatur unbekannte Version der Geschichte erzählt. Mehr noch: Auf dem Teppich finden sich zahlreiche Details, die Fragen aufwerfen, beispielsweise die Unterschlagung wichtiger Personen wie Tostig und Harald Hardrada oder auch die Darstellung rätselhafter Bilder und Inschriften. Diese Lücken versuchen Bouet und Neveux in zwei gesonderten Kapiteln zu schließen, in denen sie vor allem politisch-ideologische sowie ästhetische Gründe für die Auslassungen anführen sowie die auch nach heutigem Forschungsstand weiterhin ungelösten Rätsel und ihre möglichen Lösungen besprechen.

Innerhalb der Rätsel beschäftigen sich die Autoren neben der Identität der namentlich genannten Männer Turold, Wadard und Vital vor allem mit den zahlreichen Thesen um die Gestalt der Frau Ælfgifu – Ælfgyva im lateinischen Text -, aus denen sie die drei plausibelsten Erklärungen herausfiltern und begründen. Im Gegensatz zu diesen im Text genannten Personen bleiben jedoch viele Fragen bezüglich Details des Teppichs auch weiterhin offen, und Bouet und Neveux belassen es hier bei einer Zusammenfassung des derzeitigen Stands der Forschung, beispielsweise hinsichtlich der Nationalität des Mannes mit der Axt in Szene 40, der Art des Gegenstands, den der Mann in Szene 41 auf der Schulter trägt, der Personen neben Odo in Szene 43 oder vielen Gebäuden.

Auch auf das möglicherweise fehlende Ende des Teppichs sowie die Bedeutung der Randborten mit ihrem Bestiarium an Haus-, Wild- und Fantasietieren sowie den erotischen Szenen gehen die Autoren genauer ein, auch wenn sie zu keiner definitiven Antwort kommen können. Einzig den dargestellten Fabeln von Aesop, die im Mittelalter jeder kannte, sprechen sie eine gewisse Relevanz für das zentrale Geschehen des Teppichs zu und führen die wichtigsten Deutungsansätze und Interpretationsvorschläge an, ohne jedoch ein endgültiges Urteil zu fällen.

Nach diesen Ausführungen zum Inhalt des Werkes befassen sich die Autoren abschließend mit den durch den Teppich festgehaltenen Lebensumständen im 11. Jahrhundert, die eine Fülle an Details zu Schiffstechnik und -typen, Krieg, Waffen und Ausrüstung, Pferden und alltäglichen Dingen wie Kleidung, Mahlzeiten und Tischsitten preisgeben, wenn auch größtenteils aus adliger Perspektive. 

Teil 3 beschäftigt sich mit der textilen Form und der geschichtlichen Einordnung der Darstellungstechniken des Teppichs, darunter Zustand und Beschaffenheit des Materials, Stick- und Färbetechniken sowie Erzähltechniken, darunter Bildaufbau, Bewegung, Szenenbegrenzung, zeitlicher Ablauf, Perspektive und räumliche Tiefe, Zweideutigkeiten und Inschriften.

In Teil 4 gehen Bouet und Neveux noch einmal umfassend auf aktuelle Hypothesen zu Entstehungszeit und -ort, Auftraggeber, Funktion, Fertigstellung und Geschichte des Teppichs bis ins 21. Jahrhundert ein. Auch wenn sie andere Meinungen anführen, lassen sie doch keinen Zweifel daran, dass die Indizien und der allgemeine Konsens für einen bestimmten Auftraggeber und einen genauen Entstehungsort des Teppichs sprechen: Dabei handelt es sich eindeutig um Odo de Bayeux, Wilhelms Halbbruder, der zusammen mit einer Gruppe englischer und normannischer – teilweise auch französischer – Gestalter und Zeichner für die Herstellung des Teppichs in Südengland, genauer im Kloster St Augustine in Canterbury, Kent, gesorgt hat.

Ein besonderes Augenmerk legen die Autoren in diesem Teil noch auf den scheinbaren Widerspruch, der aus der Darstellung Harolds als tapferer Mann und legitimer Thronerbe sowie gleichzeitig der rechtmäßigen Durchsetzung des normannischen Anspruchs auf die englische Krone entsteht. Ihrer Meinung nach liegt die Antwort in der Besonderheit der Situation in England in den Jahren 1067-69, in denen König Wilhelm eine Politik der Aussöhnung der beiden Völker versuchte. Dementsprechend sollte der Teppich dazu dienen, die neue Ordnung zu rechtfertigen, ohne die alte zu verletzen. Dementsprechend datieren sie die Entstehung des Teppichs deutlich vor den gängigen Meinungen.

Das abschließende Kapitel über die Geschichte des Teppichs fasst nicht nur die Verweilorte des Teppichs, sondern auch die wichtigste Sekundärliteratur der entsprechenden Jahrhunderte zusammen. 

Fazit:

Der Teppich von Bayeux. Ein mittelalterliches Meisterwerk ist fachlich versiert geschrieben – und übersetzt. Die Autoren vermitteln eine Fülle an Informationen und aktuellen Forschungsergebnissen, auf dessen Grundlage sie den Teppich von Bayeux in all seinen historischen, handwerklichen, kulturellen und ideologischen Einzelheiten überzeugend und souverän einordnen. All dies geschieht mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die auch den interessierten Laien ansprechen wird. Die Szenenbeschreibungen des Geschehens auf dem Teppich sind teilweise so spannend, dass man meinen könnte, man lese einen Roman statt eines Sachbuchs.

Der einzige Kritikpunkt an diesem großartigen Buch ist die Tatsache, dass Bilddetails oder der lateinische Text in der Mitte einer doppelseitigen Szene manchmal schwer zu erkennen sind, weil das Buch genau an dieser Stelle zusammengeklebt wurde. Aber vielleicht geschah das mit Absicht, denn für den interessierten Leser ist dies ein Grund mehr, sich den Teppich persönlich vor Ort im Priesterseminar von Bayeux anzusehen.

Ich danke ganz herzlich der WBG – Wissenschaftliche Buchgesellschaft für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

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